Braucht Deutschland einen Masterplan?

Der 9. Nationale Paging-Kongress in Berlin – das waren brennende Fragen, kompetente Antworten und spannende Diskussionen zum Brand- und Katastrophenschutz. „Wir brauchen einen Masterplan für Deutschland“, schlussfolgerte Hartmut Ziebs, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV), aus den Referaten und Diskussionsbeiträgen. Dieser Masterplan müsse den Landkreisen und Kommunen eine längst überfällige Orientierungshilfe geben, um die Alarmierung der Rettungskräfte auch künftig abzusichern und notwendige Schritte zur Warnung der Bevölkerung im Katastrophenfall einzuleiten.
Die Teilnehmer aus allen Bundesländern kamen mit drängenden Fragen zum 9. Nationalen Paging-Kongress, der unter der Schirmherrschaft von Hans-Peter Kröger, Präsident des DFV, stand und erstmals in die Verlängerung ging. Einem kompakten Vortragsprogramm am ersten Kongresstag folgte eine vertiefende Podiumsdiskussion am zweiten Tag. In seiner Eröffnungsrede kündigte Andreas Statzkowski, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, bis Ende 2012 den Aufbau wirkungsvoller Strukturen bei der Bekämpfung von Großschadenslagen und Katastrophen in Berlin an.
Während sich Dipl.-Ing. Albrecht Broemme, Präsident der Bundesanstalt THW, dem Thema Kommunikation der BOS auch mit Blick über die Landesgrenzen stellte, informierte Ralph Tiesler, Vizepräsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), über den Entwicklungsstand des Modularen Warnsystems (ModWas) und die Crux der „letzten Meile“. Bund und Länder stellen eine von Ralph Tiesler zugesagte Schnittstelle zur Verfügung. Hier sind die verschiedenen Anbieter gefordert. Sie sollen auf Grundlage der Schnittstellenbeschreibung an ModWas andocken. Radio, Fernsehen, Rauchwarnmelder, Sirenen, Pager, Funkwetterstationen und andere elektronische Geräte in den Haushalten sind nur einige der bereits genutzten oder möglichen Wege, um die Bürger im Gefahrenfall zu warnen. Die Kooperation zwischen Behörden und der Industrie soll zu erheblichen Fortschritten gegenüber der kritisierten bisherigen Entwicklung führen. Eine bessere Verzahnung aller Akteure über föderale Grenzen hinweg sei in diesem Zusammenhang unerlässlich, unterstrich Ministerialdirektor Norbert Seitz, Abteilungsleiter im Bundesministerium des Innern.

Dies gilt auch für andere Bereiche. So mahnte Werner Kittel von der E.ON Avacon AG in Salzgitter: „Nach der Umstellung der BOS auf digitalen Funk können bei einem flächendeckenden, langanhaltenden Stromausfall nach heutigem Kenntnisstand Energieversorger und Behörde nicht mehr miteinander kommunizieren.“ Wie wird hier Vorsorge für den Schutz Kritischer Infrastrukturen getroffen? Der Paging-Kongress warf allerdings nicht nur Fragen auf, er bot auch Lösungen. Eine heißt IVENA. Das von Hans Georg Jung, Stabsstelle medizinische Gefahrenabwehr der Stadt Frankfurt/Main, vorgestellte Zuweisungs- und Alarmierungssystem für Leitstellen, Rettungsdienste und Krankenhäuser wurde bereits in 22 Krankenhäusern in Frankfurt und Umgebung eingeführt, weitere werden folgen.
Andreas Sirtl von der Berliner Feuerwehr moderierte den ersten Kongresstag. Durch die spannende Podiumsdiskussion am zweiten Kongresstag führte Axel Dechamps, Vorsitzender des Operativen Beirats des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge (DKKV). Hier stellten sich Referenten und weitere Experten, wie Ralph Tiesler vom BBK, Holger Poser, Referatsleiter Bevölkerungs- und Katastrophenschutz der Hansestadt Hamburg, sowie Dr. Alexander Teggatz von der BDBOS, den Fragen der Teilnehmer.

Einigkeit bestand darin, dass das Grunderfordernis "Alarmierung der freiwilligen Kräfte" überall erfüllt werden müsse. Das leiste separates Paging sehr gut, wie Kreisbrandmeister Mayk Tessin für den Landkreis Rostock nachwies. Nur fünf Monate nach der Beauftragung ging die digitale e*BOS-Alarmierung hier in Betrieb und löste die analoge Alarmierung ab. Mehrere Redner betonten, das neue TETRA-Digitalfunknetz der BOS müsste flächendeckend mit dem GAN-Funkversorgungsgrad 4 versorgen, um Mindestanforderungen wenigstens an die Alarmierungs-Funkversorgung zu erfüllen. Dies bedeute jedoch, es müsste die doppelte Anzahl der geplanten Standorte errichtet werden. Nicht nur ein Zeitfaktor, sondern auch ein Faktor der Verfügbarkeit und der Kosten. Dr. Alexander Teggatz von der BDBOS plädierte dafür, Mut zu schöpfen, was die Abbildung der Alarmierung in TETRA betreffe. Die Entwicklung einer entsprechenden Lösung brauche aber Zeit.
Genau die haben viele Landkreise nicht mehr. Das analoge Netz sei vielerorts immer störanfälliger und verursache steigende Kosten, wandten mehrere Teilnehmer ein. „Wir müssen alarmieren, was sollen wir tun?“ lautete eine häufige Frage. „Abwarten, was das neue Netz bringt“, riet Dr. Teggatz. Seine Antwort stieß auf heftigen Widerspruch von Teilnehmern, die zu bedenken gaben: Wenn das jetzt noch größtenteils genutzte analoge 4-m-Netz nach der Inbetriebnahme des BOS-Digitalfunknetzes für Sprache und Daten erst einmal abgeschaltet sei, gebe es darüber keine Alarmierung mehr. Sei es nicht sinnvoller, die Probleme zu entkoppeln und die Alarmierung auf eine schnell verfügbare und auch perspektivisch nutzbare Alarmierungslösung umzustellen, gegebenenfalls temporär auf vorhandene konventionelle POCSAG-Alarmierungsnetze? Nicht von ungefähr erklärte Hartmut Ziebs: „Bis der Digitalfunk möglicherweise eine so hohe Netzdichte garantiert, dass wir planerisch keine weißen Flecken mehr haben, vergeht eine lange Zeit. Bis dahin müssen die zuständigen Gebietskörperschaften Alternativen zur analogen Alarmierung eingeführt haben. Mit Blick auf die Rückfallebene und die nicht gesicherte Inhouse-Versorgung scheidet eine Alarmierung über den BOS-Digitalfunk aus.“
Der Informations- und Gesprächsbedarf bleibt groß. Deshalb wünschten sich zahlreiche Teilnehmer Arbeitskreise oder thematische Treffen zwischen den Paging-Kongressen. Der DFV erwägt, diese Anregung aufzugreifen. Einige Argumente auf dem Kongress sollen einem „Faktencheck“ unterworfen werden. Die Teilnehmer wollen im Gespräch bleiben.
Fragen zum Kongress, zu den Vorträgen und Referenten beantworten wir gern, E-Mail genügt:info@bos-alarmierung.de
Vorträge